Online-Gschichtl Nr. 200

Musikleben in Mannersdorf - Blasmusikkapellen

Auf vielfaches Bitten und nach längeren Recherchen widmet sich Michael Schiebinger anlässlich des 200-Gschichtl-Jubiläums in einem dreiteiligen Beitrag dem Musikleben in Mannersdorf. Das Thema ist sehr umfassend und vielschichtig, daher kann nur auf bestimmte Aspekte eingegangen werden. Michael Schiebinger bedankt sich für die zahlreichen Hinweise, u.a. von Karl Pfitzner, besonders aber bei Hans Amelin für die wertvolle Unterstützung.

 

Das Musizieren wurde auch in Mannersdorf stets in den Familien, in der Schule, aber vor allem in den Vereinen betrieben. Im Mittelpunkt der nachfolgenden Betrachtungen steht das öffentliche, meist vereinsmäßig organisierte Musikleben unserer Stadt. Zu Beginn fällt der Blick auf die Blasmusikkapellen, die in unserer Region noch heute eine wichtige Funktion einnehmen.

Bereits zur Jahrhundertwende dürfte in Mannersdorf eine kleine Blasmusikkapelle bestanden haben, wie ein zeitgenössisches Foto zeigt. Die Herren trugen einen Uniformrock der k. k. Armee und einen entsprechenden Tschako. Gut möglich, dass die Formation aus Militärmusikern hervorging. Die Kapelle dürfte bis zum Ersten Weltkrieg existiert haben. An der kleinen Trommel stand der „Hauser Michl“, der die Kapelle von sieben Mann geleitet hat. Michael Hauser wurde 1855 in Mannersdorf geboren und war Steinmetz. In der Zwischenkriegszeit spielte er im vorgerückten Alter dann auch in der Arbeiterkapelle, eher er 1931 mit 75 Jahren verstarb.

Noch zu Zeiten der Monarchie war 1902 eine eigene Musikkapelle der Mannersdorfer Feuerwehr entstanden. Über deren Entwicklung war leider bisher nur wenig in Erfahrung zu bringen, so wurde sie etwa auf Initiative von Lehrer und Chorleiter Karl Wosika gegründet. Sie dürfte wohl bis zu den 1920er-Jahren bestanden haben, ehe dann neue Blasmusikkapellen gegründet wurden und das Fortbestehen einer eigenen Kapelle für die Feuerwehr wohl nicht mehr notwendig war.

Nach dem Ersten Weltkrieg entstand unter Maurermeister Lukowitsch eine neu formierte Musikkapelle mit 15 Mitgliedern. In der Zwischenkriegszeit zeigten sich die politischen Spannungen im „Roten Mannersdorf“ auch im Musikwesen. Die Sozialdemokraten und die Christlichsozialen bauten nun jeweils eine eigene Blasmusikkapelle auf. Und wie im Großen, so mussten die beiden politisch gefärbten Kapellen auch im Kleinen gegeneinander konkurrieren. Die Mannersdorfer Arbeiterkapelle wurde von Kapellmeister Josef Jagschitz (1897-1981) geleitet. Andreas Martschitz (1891-1933) fungierte als „Instruktor“ und hatte zuvor bei der Militärmusik seine Erfahrung gesammelt. Die Arbeiterkapelle hielt ihre Proben im Gasthaus Richter (Stahl) am Schubertplatz ab, der Gastwirt Josef Stahl war in der Zwischenkriegszeit ja ein führender Funktionär der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Die Musiker der Kapelle waren allesamt Arbeiter oder Angestellte aus dem kleinbürgerlichen Umfeld, viele waren im Perlmooser Zementwerk beschäftigt. Bei der Arbeiterkapelle spielten in den 1920er-Jahren u.a. Franz Herdlitschka, Andreas Kaindlbauer, Florian Klementschitz, Franz Laubner, Georg Menzl, Gustav Berthold, Peter Korn, Peter Gutdeutsch, Rudolf Bernhart, Michael Kuso, Johann Weitzberger, Franz Friedrichkeit, Josef Klementschitz, Karl Horvarth, Viktor Dubrovich, Ludwig König, Leopold Hauser, Ludwig Hauser, Karl Korn, Fritz Berthold, Josef Lutzer, Franz Kögler, Michael Ofner, Michael Hauser und Fritz Dingl. Die Kapelle sorgte für die musikalische Umrahmung der Feiern am 1. Mai, kam aber auch beim Sommerfest der Kinderfreunde zum Einsatz. Im Zuge des Verbots sozialdemokratischer Organisationen durch den austrofaschistischen Ständestaat dürfte auch die Mannersdorfer Arbeiterkapelle 1934 zwangsweise aufgelöst worden sein.

Die Burschenkapelle wurde von Schmiedemeister Martin Rosner III. (1901-1968) geleitet und hielt ihre Proben im Gasthaus Nemetschek ab. Sie entstand aus dem Burschenverein, der wiederum dem „Reichsbund der katholisch-deutschen Jugend Österreichs“ angehörte. Die Musiker waren Bauernburschen bzw. Handwerker aus dem konservativen, christlich-sozialen Umfeld. Die Kapelle umfasste gut 16 Mitglieder, war also kleiner als die konkurrierende Arbeiterkapelle. Bei der Burschenkapelle spielten 1928 Josef Klettner, Franz Weinkum, Gustav Sollak, Franz Hainzl, Josef Edthofer, Alois Wolfram, Karl Voykowitsch, Josef Schullitsch, Martin Rosner, Marold, Andreas Mertschitz, Franz Palkowitsch, Emmerich Schebeck, Karl Kolb, Heinrich Hainzl und Josef Kolb. Die Auftritte der Burschenkapelle waren im bürgerlich-bäuerlichen Bereich gelegen, wie bei der Eröffnung der Milchhalle. Auch kirchliche Ereignisse, wie die Fronleichnamsprozession oder die Einweihung des katholischen Vereinsheims (alter Kindergarten in der Jägerzeile), wurden musikalisch umrahmt. Als christlich-sozial geprägte Formation blieb die Burschenkapelle auch in der Ständestaatdiktatur bestehen und wurde auch als „Rosnerkapelle“ bekannt. Sie dürfte mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten und dem Einrücken der jungen Musiker zum Kriegsdienst vorerst ein Ende gefunden haben.

Nach 1945 scheint die alte Rosnerkapelle reaktiviert worden zu sein und wurde zunächst wieder von Martin Rosner geleitet. Kapellmeister Johann Krischanitsch übernahm 1960 die Formation und führte sie als „Ortskapelle Mannersdorf“ fort. 1969 erhielt die Kapelle ausrangierte Uniformen der Perlmooser Werkskapelle, die adaptiert wurden – 1973 stiegen die Musiker dann auf Trachtenanzüge um. Einen eher kurzen Bestand hatte die Jugendkapelle Mannersdorf, die 1968 unter Josef Benke gegründet wurde. Ab 1971 wurde sie von Josef Dubkowitsch geleitet. Ihre weißen Uniformen mit dem alten Marktsiegel und die zeittypischen Schiffchen als Kopfbedeckung sind noch vielen in Erinnerung. Das ambitionierte Projekt ermöglichte es den Mannersdorfer Jugendlichen erstmals in einer Blasmusikformation aufzutreten. Die Ortskapelle bestand ja überwiegend aus altgedienten Musikveteranen, die mitunter wenig aufgeschlossen waren. Die Jugendkapelle musste 1979 mit der Ortskapelle zusammengelegt werden. Die Ortskapelle erhielt nun die Bezeichnung „Musikverein Mannersdorf“ und wurde von Josef Dubkowitsch geleitet – 1990 erfolgte die Auflösung des Vereins.

Die Musikkapelle des Perlmooser Zementwerks setzte sich ausschließlich aus Werksangehörigen zusammen. Bereits um 1930 scheint eine Werkskapelle bestanden zu haben, in den 1940er-Jahren existierte überdies eine Lehrlingsblasmusikkapelle. In den Nachkriegsjahren wurde die Werkskapelle 1953/54 reaktiviert. Von 1953 bis 1963 und von 1967 bis 1970 wurde die Kapelle von Josef Benke geleitet, während Karl Alois als Stabführer fungierte. Auch Andreas Kaindlbauer (1902-1962) war bei der Werkskapelle als Dirigent und Kapellmeister tätig und schuf als Komponist 1954 den „Perlmoosermarsch“. Die Werkskapelle war auch offiziell beim Niederösterreichischen Blasmusik-Verband registriert. Von der Perlmooser AG wurden den Musikern die Instrumente, das Notenmaterial, die Notenständer und die Uniformen kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Proben fanden einmal in der Woche auf dem Werksgelände statt. Die Kapelle hatte bei Musikfesten, Blasmusikbewerben und Platzkonzerten in Mannersdorf und der Umgebung ihre Auftritte. Die Werkskapelle vertrat also nicht nur das Zementwerk nach außen, sondern war auch eine musikalische „Visitenkarte“ des Ortes. Beliebt waren besonders die Platzkonzerte im Park oder vor dem Schloss. Bei Begräbnissen von Mitarbeitern des Perlmooser Zementwerkes übernahm die Werkskapelle die musikalische Begleitung des Konduktes. Auch beim traditionellen Maiaufmarsch spielte die Werkskapelle auf, die gewissermaßen als Nachfolgerin der Arbeiterkapelle der Zwischenkriegszeit agierte. 1958 hatte die Werkskapelle mit 30 Musikern unter der Leitung von Josef Benke einen großen Auftritt beim Landesmusikfest in Krems. 1964 konnte die Werkskapelle wiederum beim 6. Gründungstag der Bau und Holzarbeitergewerkschaft in den Wiener Sofiensälen teilnehmen. Im selben Jahr wurde im heutigen Donaupark die Wiener Internationale Gartenschau (WIG64) eröffnet, im Schatten des neuerrichteten Donauturms durfte auch die Mannersdorfer Werkskapelle auftreten. Im Jahr 1970 spielten bei der Werkskapelle u.a. Oswald Tschida, Karl Redl, Franz Wiener, Felix Klementschitz, Josef Benke, Udo Böhm, Karl Walter, Karl Pfitzner, Bernhard Schada, Fritz Hiermann, Günter Böhm, Ludwig Kuso, Johannes Kaltner, Georg Gaupmann, Josef Hahn und Viktor Liegenfeld. In den späten 1970er-Jahren musste die Werkskapelle aus „innerbetrieblichen Gründen“ aufgelöst werden, wie es Josef Benke formuliert hatte.

Nach dem Ende aller Mannersdorfer Blasmusikkapellen bestand in der Stadtgemeinde gut 15 Jahre keine eigene Kapelle. Bei offiziellen Anlässen mussten die Musikvereine der Nachbargemeinden einspringen, beim Maiaufmarsch spielte etwa der Fischataler Musikverein auf. Im Zuge der Dorf- und Stadterneuerung Niederösterreich konnte dann 2003 das „Bläser-Ensemble-Mannersdorf“ gegründet werden. Aus diesem ging 2007 der wiedergegründete Musikverein Mannersdorf hervor, der 2023 nun seit 16 Jahren besteht.

 

Fortsetzung folgt …

Foto 1: Der Hauser Michl und seine Kapelle, um 1910 (?) (Archiv Hans Amelin)

Foto 2: Mannersdorfer Arbeitermusikkapelle, 1926 (Archiv Hans Amelin)

Foto 3: Mannersdorfer Burschenkapelle (Rosnerkapelle), 1928 (Archiv Hans Amelin)

Foto 4: Mannersdorfer Ortskapelle, 1972 (Archiv Hans Amelin)

Foto 5: Kapellmeister Josef Benke (Archiv Hans Amelin)

Foto 6: Perlmooser Werkskapelle, um 1970 (Archiv Hans Amelin)

Foto 7: Perlmooser Werkskapelle marschiert durch Mannersdorf (Archiv Hans Amelin)

Foto 8: Perlmooser Werkskapelle beim Platzkonzert im Mannersdorfer Park (Archiv Hans Amelin)

Foto 9: Perlmooser Werkskapelle mit dem neuerrichteten Donauturm 1964 bei der Wiener Internationalen Gartenschau (WIG64) (Archiv Karl Pfitzner)

Foto 10: Perlmooser Werkskapelle 1964 bei der Wiener Internationalen Gartenschau (WIG64) im Donaupark (Archiv Karl Pfitzner)